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Erstes Kapitel, Seiten 52- 55 (Copyright liegt beim Autor und dem Verlag) (Unsachliche Kritik zum Buch dazu hier: http://www.sueddeutsche.de/kultur/skandalbuch-von-sylvain-gouguenheim-der-mittelalter-sarrazin-1.1134165, Sachliche Kritik: http://www.nytimes.com/2008/04/28/world/europe/28iht-politicus.2.12398698.html)

[…]Widersprüche pflegten bei öffentlich abgehaltenen Streitgesprächen beigelegt zu werden, wo die Meister die Fragen ihrer Schüler beantworteten. Petrus Abaelardus (1079-1142) ragte auf dem Gebiet der Methodenlehre heraus, die er 1134 in „Sic et non“ niedergelegt und dort übergreifend argumentiert hatte, dass die Gesinnung eines Menschen Vorrang vor seinen „guten Werken“ besitze. Aus der Verbindung von Grammatik und Dialektik und der Anwendung beider Disziplinen in der Theologie erwuchs sprachlogisches Denken als erste Stufe eines kritischen Geistes, den Abaelard wie kaum ein andere verkörperte.

Um die gleiche Zeit nahm das akademische Wissen immer weiter zu. Man las weiterhin Martianus Vapella, Makrobius und den Tiamos von Platon – in Chartres setzte man sich geradezu leidenschaftlich mit ihm auseinander, und dann knüpfte ein namentlich so origineller Denker und Autor wie Gilbert de la Porree an. Dank der griechisch-lateinischen und arabisch-lateinischen Übersetzungen wurden in der Astronomie und in den Teilgebieten der Mathematik Fortschritte erzielt. Noch heute erstaunt die Zahl und wissenschaftliche Breite der damaligen Übersetzungen aus Palermo und Toledo, aber auch vom Mont Saint-Michel, aus Rom, Pisa und Venedig. Der Grund ist ganz offensichtlich im Wissensdurst der zeitgenössischen Eliten zu suchen. Buchstäblich jedermann verlangte nach lateinischen Texten: Päpste wie Eugen III. und Alexander II., Könige, Bischöfe und Magister an Universitäten und viele andere.

Die Übersetzer waren auch Denker. Jakob von Venedig schrieb beispielsweise längere oder kürzere Anmerkungen zu den Werken von Aristoteles, die er von 1127 als Erster direkt aus dem Griechischen in die lateinische Sprache übersetzte. Der Übersetzer der „Grössten Zusammenstellung“ des Ptolemaeus, Herrmann von Kärnten, forderte Gedankenfreiheit in Bezug auf den normativen Rahmen der Theologie und plädierte zugunsten der Wissenschaften, denn die verstärkte Übersetzertätigkeit im 12. Jahrhundert entsprach einem machtvollen Wunsch, gepaart mit wissenschaftlicher Neugier.

[…] Aus den Schriften des Domherrn Hugo von Saint-Victor weht uns der Eindruck von Kühnheit, Offenheit und geistiger Freiheit entgegen, in der sich Wissensdurst mit einem neuen Verständnis von Wissensorganisation mischt: Klassifizieren heisst denken.

Die Summe dieser Einzelerscheinungen endete schliesslich in der Entstehung eines für das 12. Jahrhundert spezifischen Humanismus, dessen Denkansatz und Inhalt den Historiker an den Humanismus des 15. Jahrhunderts denken lassen. Ein antiker Autor wie Cicero kam wieder in Mode, Mönche in Bec-Hollouin (Normandie) studierten seine Schriften über Moral und Philosophie ebenso wie ein Cluny, Reims oder im Rheinland. Die Theologie wurde sozusagen vom Kopf auf die Beine gestellt. Sie zog aus der Welt der Kirchtürme aus und wendete sich von allein dem Heilsversprechen verpflichteten Exegese ab; was folgte war eher eine Weiterentwicklung in Richtung einer spekulativen Theologie. In diesem Bereich gab sich Abaelard ganz als Schüler des heiligen Anselm von  Canterbury und seiner scholastischen Lehre des „fides quaerens intellectum“. Es entstand eine Form des unabhängigen Denkens – eine von der im Byzantinischen Reich und im christlichen Orient praktizierten Religionsausübung weit entfernen rationalistischen Theologie. Man wollte dem Menschenverstand die notwendigen Mittel bereitstellen, um zu den Geheimnissen des Glaubens aufzusteigen. Wenn schon kein eeigene Wissenschaft, so war die Theologie doch ein System gedanklicher Vorstellungen, das ein Bemühen um die rationale Entschlüsselung von Glaubensgeheimnissen und des göttlichen Wesens darstellt; darin übrigens schien sie sich für die christliche Welt zu eignen.

Wir stossen bei Abaelard wie bei den Meistern der Schule von Chartres auf einen gewissen Optimismus in Bezug auf das analytische Vermögen des Verstandes, von dem sie sagten, er durchdringe die Geheimnisse der Natur. Die Kleriker von Chartres waren noch keine modernen Wissenschaftler, aber ihr geistiger Zuschnitt kündigte sie als solche an. Wenn der menschliche Verstand die Mechanismen der Natur erforschen kann, befreit er sich wenigstens zum Teil von der göttlichen Herrschaft und der Vorstellung einer Welt, die ihre gesamte Struktur dem ursprünglichen Schöpfungsakt verdankt. Von nun an wird er sich dem Studium von Pflanzen, Tieren und Gestirnen widmen, wie das Werk der Äbtissin Hildegard von Bingen im Rheinland so augenfällig demonstriert. Dieser Naturalismus will die Gründe dieser Erscheinungen erkennen, das heiss das 12. Jahrhundert wendet dich von der Erklärung der Welt mittels Symbolen genauso ab wie von der im 11. Jahrhundert konstruierten Analogie von Mikrokosmos und Makrokosmos, weil es nach den physikalischen Gesetzen forscht, denen die Welt gehorcht. Genau darin besteht der Arbeiten Wilhelms von Conches und Gilberts de la Porree. Sie setzen bei der theologischen Überlegung des heiligen Anselm von Canterbury an, der in seinem „Cur Deus Homo“ über die Inkarnation und den Platz Gottes in der Welt nachsinnt. Die Vorstellung Platons von einer kosmischen Harmonie hat die wissenschaftliche Sterilität nicht verursacht – im Gegenteil: Sie trieb die Gelehrten vielmehr dazu, die Gesetze dieser Harmonie zu entdecken und das Universum anders als den geschmückten Hintergrund zu betrachten, von dem die Heilsgeschichte abläuft. Die Natur drängt sich der wissenschaftlichen Reflektion auf und wird auch künftig im Mittelpunkt wissenschaftlicher Untersuchungen stehen – kurz: Das 12. Jahrhundert spinnt von Neuem den Faden zum Denken des antiken Griechenland, zu Aristoteles oder Archimedes. Wilhelm von Conches merkt dazu an: „Die Kräfte der Natur zu ignorieren zwingt in einen Glauben ohne Verstand“.

[…]

Wir dürfen das 12. Jahrhundert also als eine vom Humanismus geprägte Zeit betrachten, herrschten damals doch ein gewaltiger Wissensdurst und – zusammen mit einer methodologischen Erneuerung – ein universeller Forschungsdrang vor. Beides zusammen verschaffte diesem Jahrhundert einen unschätzbaren Platz in der Entwicklung Europas. Man bemühte sich um neue Formen der Wissensvermittlung und orientierte sich dabei gezielt an der Autorität antiker Autoren, dieser „Riesen“, über deren Schultern sich die Gelehrtenschaft beugte, wie Bernhard von Chartres notierte; ausserdem stellen wir in dieser Zeit eine geradezu exemplarische Neugier in alle Richtungen fest. Man kümmerte sich sogar begeistert um die heidnische Mythologie, da sie dank der Methode der Allegorie nun ihren bis dato verborgenen Sinn preisgab. Die gelehrten Kreise des 12. Jahrhunderts waren die Schüler der Antike und die Vorläufer der modernen Anthropologie.

Aus der Zeit vom 10. bis zum 12. Jahrhundert sind uns auch die Namen vieler wissenschaftlich oder literarisch begabter Frauen geläufig, unter anderen die Äbtissinnen Roswitha von Gandersheim, Hildegard von Bingen oder Héloise aus dem französischen Kloster Le Parcelet (Bei Nogent-sur-Seine), die aus der „Res publica“ Ciceros zitierte. Sie lenken den Blick auf ausserordendliche Persönlichkeiten, die sich auszudrücken verstanden und ihre schriftstellerischen und philosophischen Neigungen entwickeln konnten.

Templarii

Ein Kommentar zu “Die Geisteswissenschaftliche Revolution im Hochmittelalter

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