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http://ef-magazin.de/2009/03/02/982-kirche-und-wirtschaft-der-freie-markt-und-der-katholische-glaube

Ein verborgener Grund, warum der heutigen Politik der Papst suspekt ist

Die Geschichte des wirtschaftlichen Denkens beginnt üblicherweise mit Adam Smith und einigen anderen Denkern des 18. Jahrhunderts. Die Katholiken, insbesondere diejenigen, die der Marktwirtschaft kritisch gegenüberstehen, neigen dazu, die Prinzipien und Erkenntnisse der modernen Wirtschaftstheorie mehr oder weniger mit Denkern der Aufklärung in Verbindung zu bringen. Dabei waren es im Gegenteil die Kommentatoren des Mittelalters und der Spätscholastik, deren Verständnis und Konzept der freien Wirtschaft sich als überaus fruchtbar für die Entwicklung eines soliden wirtschaftstheoretischen Denkens im Westen erweisen sollten. Somit stellt die moderne Wirtschaft einen wichtigen Bereich dar, in dem der katholische Einfluss bis in die jüngere Vergangenheit allzu oft verdunkelt oder übersehen worden ist, denn es ist in der Tat nicht eben üblich, Katholiken unter die Begründer der modernen Wirtschaftstheorie zu zählen.

Joseph Schumpeter, einer der größten Wirtschaftswissenschaftler des 20. Jahrhunderts, hat den in Vergessenheit geratenen Beiträgen der Spätscholastik in seiner „Geschichte der ökonomischen Analyse“ (1954) Tribut gezollt: Sie sind, so schreibt er, „mehr als jede andere Gruppe die Begründer der Wirtschaftswissenschaften geworden.“

Ein anderer großer Wirtschaftswissenschaftler des 20. Jahrhunderts, Murray N. Rothbard, widmete einen umfangreichen Abschnitt seiner von den Kritikern gefeierten Geschichte der Wirtschaftstheorie den Erkenntnissen der späten Scholastiker, die er als brillante Sozialphilosophen und Wirtschaftsanalytiker beschrieb. Auf überzeugende Weise wies er nach, dass die Einsichten dieser Männer in der österreichischen Wirtschaftsschule kulminierten, einer wichtigen Schule des wirtschaftstheoretischen Denkens, die sich im späten 19. Jahrhundert herausgebildet hat und bis heute existiert. Die österreichische Schule hat selbst eine Reihe brillanter Wirtschaftswissenschaftler vorzuweisen – von Carl Menger über Eugen von Böhm-Bawerk bis hin zu Ludwig von Mises. F. A. Hayek, ein angesehenes Mitglied der Schule, gewann 1974 den Nobelpreis für Wirtschaftswissenschaften.

Ehe wir uns den Spätscholastikern zuwenden, sollten wir uns mit den häufig vergessenen wirtschaftstheoretischen Beiträgen noch früherer katholischer Gelehrter befassen. Jean Buridan (1300-1358) beispielsweise, der Rektor der Universität von Paris, leistete wichtige Beiträge zur modernen Geldtheorie. Statt das Geld als ein künstliches Produkt staatlicher Intervention zu betrachten, zeigte Buridan, wie sich das Geld zunächst als nützliche Ware und dann als Tauschmittel frei und spontan aus dem Markt selbst entwickelt hat. Mit anderen Worten: Das Geld ist nicht aufgrund eines Regierungserlasses, sondern aus einem freiwilligen Tauschprozess heraus entstanden, weil die Menschen entdeckten, dass dieser durch die Einführung einer nützlichen und allseits begehrten Ware als Zahlungsmittel dramatisch vereinfacht werden konnte.

Diese allseits begehrte Ware, worum es sich auch handeln mochte, musste folglich zunächst aufgrund ihrer Bedeutung für die Befriedigung nicht-monetärer Bedürfnisse geschätzt werden. Wenn sie ihre monetäre Rolle erfolgreich spielen sollte, musste sie außerdem bestimmte wichtige Kennzeichen aufweisen. Sie musste teilbar und leicht zu transportieren sein, sie musste dauerhaft sein, und sie musste pro Gewichtseinheit einen hohen Wert besitzen, damit schon kleine Mengen ausreichten, um praktisch jede Transaktion zu ermöglichen.

Nikolaus von Oresme (1325-1382), ein Schüler Buridans, leistete seine eigenen wichtigen Beiträge zur monetären Theorie. Oresme, ein vor allem in Mathematik, Astronomie und Physik bewanderter Universalgelehrter, schrieb „Über Ursprung, Wesen und Umlauf des Geldes“, eine Abhandlung, die als „ein Meilenstein in der Wissenschaft des Geldes“ bezeichnet worden ist und Maßstäbe setzte, die jahrhundertelang nicht übertroffen werden sollten und in gewisser Hinsicht bis jetzt noch nicht übertroffen worden sind. Man hat ihn auch den „Gründungsvater der Geldwirtschaft“ genannt. Oresme hat erstmalig den Grundsatz formuliert, der später als das Greshamsche Gesetz bekannt werden sollte. Diesem Gesetz zufolge wird, wenn zwei Währungen in derselben Wirtschaft nebeneinander existieren und die Regierung ein Verhältnis zwischen beiden festsetzt, das sich von dem Verhältnis unterscheidet, das die Währungen auf dem freien Markt erreichen können, die von der Regierung künstlich überbewertete Währung die unterbewertete aus dem Umlauf vertreiben. Deswegen, so erläutert Oresme, „wird, wenn das festgesetzte legale Verhältnis der Münzen sich vom Marktwert der Metalle unterscheidet, die unterbewertete Münze ganz aus dem Umlauf verschwinden, und die überbewertete Münze als alleinige Währung übrigbleiben.“

Nehmen wir also einmal an, die beiden Währungen seien Gold und Silber und 16 Unzen Silber hätten auf dem Markt denselben Wert wie eine Unze Gold. Nehmen wir weiter an, dass die Regierung ein gesetzliches Verhältnis von 15:1 festsetzt, so dass die Bürger 15 Unzen Silber und eine Unze Gold als gleichwertig behandeln müssten. Mit diesem Verhältnis ist das Silber natürlich überbewertet, weil nach dem Markwert der beiden Metalle 16 Silbermünzen einer Goldmünze entsprechen. Doch die Regierung sagt der Öffentlichkeit mit der Festsetzung des 15:1-Verhältnisses, dass sie ihre in Goldmünzen notierten Schulden zu einem Kurs von 15 anstelle der dem Marktwert entsprechenden 16 Silbermünzen für eine Goldmünze begleichen können. Dies führt dazu, dass die Bevölkerung das Gold meidet und alle Zahlungen in Silber vornimmt. Das wäre so, als ob unsere Regierung heute sagte, dass vier Euromünzen soviel wert wären wie ein Fünf-Euro-Schein. Die Menschen würden sofort aufhören, Fünf-Euro-Scheine zu benutzen, und alles mit den künstlich aufgewerteten Euromünzen bezahlen. Die Fünf-Euro-Scheine würden aus dem Umlauf verschwinden.

Oresme wusste auch um die verheerenden Auswirkungen der Inflation. Wenn die Regierung den Wert einer Währungseinheit herabsetzt, so erklärte er, führe dies zu nichts Gutem. Der Handel werde gestört und das allgemeine Preisniveau steige. Die Regierung bereichere sich auf Kosten der Bevölkerung. Idealerweise, so seine Einschätzung, sollte die Regierung gar nicht in das Währungssystem eingreifen.

Die späten Scholastiker teilten Oresmes Interesse an der Währungsökonomie. Vor allem nachdem es, bedingt durch den Zufluss von Edelmetallen aus der Neuen Welt, im Spanien des 16. Jahrhunderts zu einer beträchtlichen Preisinflation gekommen war, erkannten sie, dass in der Wirtschaft klare Verhältnisse von Ursache und Wirkung am Werk waren. Aus der Beobachtung, dass die größeren Münzbestände die Kaufkraft des Geldes verringerten, leiteten sie die allgemeinere Schlussfolgerung – heute eine anerkannte wirtschaftliche Gesetzmäßigkeit – ab, dass wachsende Bestände eines beliebigen Guts den Preis des betreffenden Guts sinken lassen. Der spätscholastische Theologe Martín de Azpilcueta (1493-1586) schreibt in einem Passus, der von manchen Wissenschaftlern als die erste Formulierung der Quantitätstheorie des Geldes bezeichnet worden ist: „Wenn die übrigen Bedingungen gleich sind, werden in Ländern, wo eine große Geldknappheit herrscht, alle käuflichen Güter und sogar die Hände und die Arbeit der Menschen für weniger Geld abgegeben als dort, wo es reichlich vorhanden ist. So sehen wir durch Erfahrung, dass in Frankreich, wo das Geld knapper ist als in Spanien, Brot, Wein, Stoff und Arbeit sehr viel weniger wert sind. Und selbst in Spanien werden in Zeiten der Geldknappheit käufliche Güter und Arbeit für sehr viel weniger abgegeben als nach der Entdeckung der Indias, die das Land mit Gold und Silber überschwemmte. Der Grund hierfür ist, dass Geld an dem Ort und zu der Zeit, wo es knapp ist, mehr wert ist als an dem Ort und zu der Zeit, wo es reichlich vorhanden ist. Wenn manche sagen, dass eine Knappheit an Geld andere Dinge herabsetzt, dann ergibt sich dies aus der Tatsache, dass sein übermäßiger Anstieg im Wert andere Dinge geringer erscheinen lässt, so wie ein kleiner Mann neben einem sehr großen kleiner wirkt als neben einem Mann seiner eigenen Größe.“

Andere wichtige Beiträge zur Wirtschaftstheorie stammen von Thomas de Vio Cajetan (1468-1534). Kardinal Cajetan war ein außerordentlich einflussreicher kirchlicher Würdenträger, der unter anderem mit Martin Luther debattiert und diesem in einer Diskussion über die päpstliche Autorität einen Punktsieg abgerungen hat. Luther lehnte die Vorstellung ab, dass der 18. Vers des 16. Kapitels im Matthäusevangelium – Christus übergibt dem Apostel Petrus die Schlüssel des Himmelreichs – so zu deuten sei, dass die Nachfolger Petri in der gesamten christlichen Welt die lehramtliche und disziplinarische Autorität innehätten. Cajetan zeigte jedoch, dass eine Parallelstelle aus dem Alten Testament, Jesaja 22, 22, ebenfalls die Schlüsselsymbolik verwendet und der Schlüssel dort tatsächlich für eine Autorität steht, die einem Nachfolger übertragen wird.

In seiner 1499 veröffentlichten Abhandlung „De Cambiis“, die den ausländischen Tauschmarkt unter moralischen Gesichtspunkten zu rechtfertigen suchte, wies Cajetan darauf hin, dass der Wert des Geldes in der Gegenwart durch Erwartungen einer wahrscheinlichen Marktentwicklung in der Zukunft beeinflusst werden könne. So kann es sich auf den aktuellen Geldwert auswirken, wenn die Menschen mit störenden oder schädlichen Ereignissen wie Missernten oder Kriegen rechnen oder erwarten, dass sich die Geldbestände ändern. In dieser Hinsicht, so schreibt Murray Rothbard, „kann Kardinal Cajetan, ein Kirchenfürst des 16. Jahrhunderts, als der Begründer der Erwartungstheorie in der Wirtschaft betrachtet werden.“

Zu den denkwürdigsten und wichtigsten wirtschaftlichen Prinzipien, die mit der Hilfe der Spätscholastiker und ihrer unmittelbaren Vorgänger entstanden und heranreiften, gehört auch die subjektive Wertlehre. Teils durch ihre eigene Analyse und teils durch die Kommentare inspiriert, die der heilige Augustinus in seinem „Gottesstaat“ zum Thema Wert formuliert hatte, vertraten diese katholischen Denker den Standpunkt, dass der Wert sich nicht aus objektiven Faktoren wie Produktionskosten oder Arbeitsaufwand, sondern von der subjektiven Wertschätzung individueller Personen herleitet. Jede Theorie, die den Wert auf objektive Faktoren wie Arbeit oder andere Herstellungskosten zurückführte, war demzufolge falsch.

Der Franziskaner Pierre de Jean Olivi (1248-1298) legte als erster eine Wertlehre vor, die auf dem subjektiven Nutzen basierte. Er argumentierte, dass, wirtschaftlich betrachtet, der Wert eines Gutes davon abhänge, wie nützlich und wünschenswert dieses Gut nach der subjektiven Einschätzung der Individuen sei. Also konnte der „richtige Preis“ nicht auf der Grundlage objektiver Faktoren wie der Arbeit oder anderer Produktionskosten errechnet werden, die bei seiner Herstellung anfielen. Vielmehr ergab sich der richtige Preis aus der Interaktion von Käufern und Verkäufern auf dem Markt, wo sich der Wert, den ein bestimmtes Gut in den Augen der einzelnen Personen besaß, daran zeigte, ob sie dieses für einen gegebenen Preis kauften oder nicht kauften. Eineinhalb Jahrhunderte später wurde Olivis subjektive Wertlehre praktisch wortwörtlich von Bernhardin von Siena, einem der größten Wirtschaftstheoretiker des Mittelalters, übernommen. Wer hätte gedacht, dass die korrekte Werttheorie der Wirtschaftswissenschaften auf einen Franziskaner des 13. Jahrhunderts zurückgeht?

Auch die Spätscholastiker schlossen sich dieser Position an. Luis Saravía de la Calle schreibt im 16. Jahrhundert: „Diejenigen, die den richtigen Preis an der Arbeit, den Kosten und dem Risiko messen, dem die Person, die mit dieser Ware handelt oder sie produziert, ausgesetzt ist, oder an den Transport- oder Reisekosten oder an dem, was er den Herstellern für ihre Fertigung zahlen muss, begeht einen großen Irrtum, und das gilt noch mehr für diejenigen, die einen gewissen Profit von einem Fünftel oder einem Zehntel zulassen. Denn der richtige Preis ergibt sich aus dem Überfluss oder der Knappheit von Gütern, Kaufleuten und Geld, und nicht aus Kosten, Arbeit und Risiko. Wenn wir auf die Arbeit und das Risiko sehen müssten, um den gerechten Preis festzusetzen, dann würde kein Kaufmann jemals einen Verlust erleiden, und der Überfluss oder die Knappheit der Güter oder des Geldes würde keine Rolle spielen. Preise werden gewöhnlich nicht auf der Grundlage der Kosten festgesetzt. Warum sollte ein Ballen Leinen, der unter großem Kostenaufwand von der Bretagne auf dem Landweg hierher gebracht worden ist, teurer sein als einer, der billig auf dem Seeweg transportiert worden ist? Warum sollte ein Buch, das mit der Hand geschrieben worden ist, mehr wert sein als ein gedrucktes, wenn letzteres trotz geringerer Produktionskosten besser ist? Den richtigen Preis findet man nicht, indem man die Kosten berechnet, sondern aufgrund der allgemeinen Wertschätzung.“

Der Jesuit Kardinal Juan de Lugo (1583-1660) ist derselben Ansicht und steuert sein eigenes Argument zugunsten des subjektiven Wertes bei: „Der Preis verändert sich nicht aufgrund der einem Artikel innewohnenden wesentlichen Vollkommenheit – so sind Mäuse vollkommener als Korn, aber weniger wert –, sondern aufgrund seiner Nützlichkeit im Hinblick auf die menschlichen Bedürfnisse, und dann auch nur aufgrund der Wertschätzung; denn Juwelen sind im Haus weniger nützlich als Korn, und doch ist ihr Preis viel höher. Und wir müssen auch nicht nur die Wertschätzung kluger, sondern auch unkluger Menschen in Betracht ziehen, wenn sie an einem Ort relativ zahlreich sind. Deshalb wird unser Glasplunder in Äthiopien mit Gold aufgewogen, weil er dort allgemein mehr geschätzt wird. Und unter den Japanern erzielen alte Gegenstände aus Eisen oder Keramik, die bei uns nichts wert sind, einen hohen Preis aufgrund ihres Alters. Allgemeine Wertschätzung erhöht, auch wenn sie töricht ist, den natürlichen Preis der Güter, da sich der Preis aus der Wertschätzung ableitet. Der natürliche Preis erhöht sich durch einen Überfluss an Käufern und an Geld und sinkt aufgrund der entgegengesetzten Faktoren.“

Und ein anderer Jesuit, Luis de Molina, erklärt: „Der richtige Preis von Gütern wird nicht nach dem Nutzen festgesetzt, den die Menschen ihm geben, so als ob, ceteris paribus, die Natur und die Notwendigkeit des ihnen gegebenen Nutzens die Höhe des Preises bestimmen würden. Sie hängt von der relativen Wertschätzung ab, die jeder Mensch für den Nutzen des Gutes hat. Das erklärt, weshalb der richtige Preis einer Perle, die nur als Schmuck dient, höher ist als der richtige Preis einer großen Menge von Korn, Wein, Fleisch, Brot oder Pferden, selbst wenn die Nützlichkeit dieser Dinge (die auch ihrer Natur nach edler sind) zweckmäßiger und dem Nutzen einer Perle überlegen ist. Deshalb können wir schlussfolgern, dass der richtige Preis für eine Perle von der Tatsache abhängt, dass manche Menschen ihr als Schmuckgegenstand einen Wert haben beimessen wollen.“

Carl Menger, dessen „Grundsätze der Volkswirtschaftslehre“ (1871) einen so tiefgreifenden Einfluss auf die Entwicklung der modernen Wirtschaftswissenschaften haben sollten (und mit der thomistisch-aristotelischen Tradition in Verbindung gebracht worden sind), hat die Implikationen des subjektiven Werts anschaulich erklärt. Nehmen wir einmal an, dass Tabak plötzlich für die Menschen keinerlei Nutzen mehr hätte – niemand würde ihn mehr zu irgendeinem Zweck wollen oder benötigen. Stellen wir uns des weiteren eine Maschine vor, die ausschließlich für die Tabakverarbeitung gebaut worden ist und keinen anderen Zweck erfüllt. Infolge des veränderten Geschmacks der Menschen, die sich ganz vom Tabak abgewandt haben – Menger würde sagen, dass der Tabak seinen Gebrauchswert verloren habe –, würde der Wert dieser Maschine ebenfalls auf Null sinken. Folglich leitet sich der Wert des Tabaks nicht von seinen Produktionskosten ab. Vielmehr kommt nach der subjektiven Wertlehre das genaue Gegenteil der Wahrheit näher: Die Produktionsfaktoren, die bei der Tabakverarbeitung eine Rolle spielen, leiten ihren eigenen Wert von dem subjektiven Wert ab, den die Verbraucher dem Tabak und damit dem Endprodukt beimessen, für dessen Herstellung diese Faktoren eingesetzt werden.

Die subjektive Wertlehre ist eine wesentliche wirtschaftstheoretische Erkenntnis und hat nichts mit Anthropozentrismus oder moralischem Relativismus zu tun. Die Wirtschaftswissenschaften setzen sich mit der Tatsache und den Implikationen menschlicher Entscheidungen auseinander. Um die Entscheidungen der Menschen zu verstehen und zu erklären, muss man sich der Werte bedienen, die sie den Dingen tatsächlich beimessen. Dass man diese Bewertung damit nicht automatisch gutheißt, versteht sich von selbst. In dem von Menger beschriebenen Fall läuft dies schlicht auf die sehr einsichtige Schlussfolgerung hinaus, dass, wenn die Verbraucher Objekt A nicht für wertvoll halten, sie auch den eigens für die Produktion von A entworfenen Faktoren keinen Wert beimessen werden.

Die subjektive Wertlehre führt auch zu einer direkten Widerlegung der Arbeitswertlehre, die eng mit Karl Marx, dem Vater des Kommunismus, verbunden ist. Marx glaubte nicht an eine objektive Moral, aber er glaubte, dass Wirtschaftsgütern ein objektiver Wert zugesprochen werden könne. Dieser objektive Wirtschaftswert basierte auf der Anzahl der Arbeitsstunden, die für die Produktion eines bestimmten Guts erforderlich waren. Marx’ Arbeitswertlehre besagte nicht, dass der Wert eines Produkts auf dem bloßen Arbeitsaufwand beruhe, das heißt, er sagte nicht, dass, wenn ich meine Tage damit zubrächte, leere Bierdosen aneinanderzulöten, das Ergebnis meiner Arbeit ipso facto wertvoll wäre. Die Dinge, so räumte Marx ein, würden nur dann als wertvoll betrachtet, wenn Individuen ihnen einen Gebrauchswert zuschrieben. Wenn aber einem Gut einmal von Individuen ein Gebrauchswert zugeschrieben worden sei, dann würde der Wert dieses Gutes durch die Anzahl der für seine Herstellung aufgewendeten Arbeitsstunden bestimmt. (Wir können hier nicht auf jeden der offensichtlich problematischen Punkte an dieser Theorie eingehen, so etwa auf die Tatsache, dass sie nicht zu erklären vermag, weshalb Kunstwerke nach dem Tod des Künstlers an Wert gewinnen, obwohl doch ganz gewiss zwischen dem Moment ihrer Fertigstellung und seinem Tod keine weiteren Arbeitsstunden auf sie verwendet worden sind; dieses oft beobachtete Phänomen lässt sich mit der Arbeitswertlehre nicht in Einklang bringen.)

Von seiner Arbeitswertlehre leitete Marx ferner den Gedanken ab, dass Arbeiter in einer freien Wirtschaft „ausgebeutet“ würden, weil ihre Arbeit die Quelle allen Wertes sei, diese Leistung sich aber in den ihnen ausgezahlten Löhnen nicht ausreichend widerspiegele. Vom Arbeitgeber zurückgehaltene Gewinne seien, so Marx, vollkommen unverdient und würden zu Unrecht von dem abgezogen, was den Arbeitern rechtmäßig zustehe.

Wir können Marx hier nicht systematisch widerlegen. Doch mit Hilfe der Erkenntnisse der Spätscholastik können wir zumindest den grundlegenden Fehler an seiner Arbeitswertlehre aufzeigen. Marx’ Fehler bestand nicht darin, dass er eine Beziehung zwischen dem Wert eines Guts und dem Wert der bei der Herstellung dieses Guts geleisteten Arbeit postuliert hat; zwischen diesen beiden Phänomenen besteht in der Tat oft ein Zusammenhang. Sein Irrtum war, dass er den Kausalzusammenhang von der falschen Seite her betrachtet hat. Ein Gut leitet seinen Wert nicht von der Arbeit ab, die auf seine Herstellung verwendet worden ist. Die auf die Herstellung verwendete Arbeit leitet ihren Wert von dem Wert ab, den die Verbraucher dem Endprodukt beimessen.

Als Bernhardin von Siena und die Scholastiker des 16. Jahrhunderts eine subjektive Wertlehre vertraten, legten sie damit also ein entscheidendes Wirtschaftskonzept vor, das implizit einen der größten wirtschaftstheoretischen Irrtümer der Moderne vorwegnahm und widerlegte. Selbst Adam Smith, der in der Geschichte als der große Meister des freien Markts und der wirtschaftlichen Freiheit bekanntgeworden ist, war in seiner Darstellung der Wertlehre missverständlich genug, um den Eindruck zu hinterlassen, dass die Güter ihren Wert aus der auf ihre Herstellung verwendeten Arbeit ableiteten. Rothbard hat sogar unterstellt, dass Smiths Arbeitswertlehre aus dem 18. Jahrhundert in die im darauffolgenden Jahrhundert formulierte marxistische Theorie eingemündet sei und dass die Wirtschaftswissenschaften mit ihrem „Credo“ – nichts über die Welt als Ganzes zu sagen – sehr viel besser dagestanden hätten, wenn die Wirtschaftstheorie der von den erwähnten katholischen Denkern formulierten Wertlehre treu geblieben wäre. Die französischen und italienischen Wirtschaftswissenschaftler hielten unter dem Einfluss der Scholastiker den richtigen Standpunkt mehr oder weniger aufrecht; es waren die britischen Wirtschaftstheoretiker, die auf so tragische Weise in Denkrichtungen abdrifteten, die letztlich in Marx ihren Höhepunkt erreichen sollten.

Eine Diskussion über den Einfluss des katholischen Denkens auf die Entwicklung der Wirtschaftswissenschaften kann die Beiträge von Emil Kauder nicht außer acht lassen. Kauder verfasste eine beträchtliche Menge von Werken, in denen er unter anderem herauszufinden versuchte, weshalb die korrekte subjektive Wertlehre in katholischen Ländern entstand und gedieh, während die falsche Arbeitswertlehre in protestantischen Nationen so einflussreich war. Genauer gesagt war er fasziniert von der Tatsache, dass britische Denker so stark der Arbeitswertlehre zuneigten, während französische und italienische Denker sich mit solcher Beharrlichkeit auf die Seite des subjektiven Werts stellten.

In „A History of Marginal Utility Theory“ (1965) vermutet Kauder, dass die Lösung des Rätsels in der Bedeutung liegen könnte, die der große protestantische Denker Johannes Calvin der Arbeit zuschrieb. Für Calvin stand im wesentlichen jede Art von Arbeit unter dem Segen Gottes und war ein wichtiger Bereich, in dem der Mensch Gott verherrlichen konnte. Diese Betonung der Arbeit führte dazu, dass die Denker in den protestantischen Ländern die Arbeit als zentrales Wertkriterium ansahen. „Jeder für calvinistische Ideen offene Sozialphilosoph oder Wirtschaftswissenschaftler“, so Kauder, „wird versucht sein, der Arbeit in seiner soziologischen oder wirtschaftstheoretischen Abhandlung einen besonderen Stellenwert einzuräumen, und es gibt keinen besseren Weg, die Arbeit zu preisen, als sie mit der Wertlehre zu verknüpfen, die traditionell die eigentliche Basis eines Wirtschaftssystems darstellt. So wird aus Wert Arbeitswert.“

Kauder zufolge galt dies auch im Fall solcher Denker wie John Locke und Adam Smith, die in ihren Schriften großen Wert auf die Arbeit legten und deren eigene Ansichten im großen und ganzen eher deistisch als protestantisch waren. Diese Männer hatten die calvinistischen Vorstellungen verinnerlicht, die ihr kulturelles Milieu prägten. Smith beispielsweise stand trotz seiner eigenen eher unorthodoxen Ansichten dem presbyterianischen Glauben (also im Prinzip dem organisierten Calvinismus) stets wohlwollend gegenüber, und diese Sympathie für den Calvinismus mag seine eigene Betonung des wertbestimmenden Charakters der Arbeit sehr wohl beeinflusst haben.

Andererseits besaß die Arbeitswertlehre für die stärker vom aristotelischen und thomistischen Denken geprägten katholischen Länder keine solche Anziehungskraft. Aristoteles und der heilige Thomas leiteten den Zweck der wirtschaftlichen Aktivität aus Vergnügen und Freude ab. Somit waren die Ziele der Wirtschaft zutiefst subjektiv, denn Vergnügen und Freude waren nicht messbare Gemütszustände, und ihre Intensität konnte nicht präzise oder in einer Weise ausgedrückt werden, die einen Vergleich zwischen verschiedenen Personen zugelassen hätte. Die subjektive Wertlehre folgt aus diesen Voraussetzungen ebenso selbstverständlich wie die Nacht auf den Tag. „Wenn der Zweck der Wirtschaft in einer gemäßigten Form des Vergnügens besteht“, so Kauder, „dann müssen nach dem aristotelischen Konzept der finalen Ursache alle Wirtschaftsprinzipien einschließlich der Evaluation von diesem Ziel abgeleitet werden. In diesem Schema des aristotelischen und thomistischen Denkens liegt der Sinn der Evaluation darin zu zeigen, wieviel Vergnügen sich mit Wirtschaftsgütern gewinnen lässt.“ Mit anderen Worten: Die calvinistische Betonung der Bedeutung der Arbeit veranlasste die Denker in den protestantischen Ländern dazu, diese zum bestimmenden Faktor ihrer Theorie darüber zu machen, was Gütern Wert verleiht: Wieviel Arbeit war auf sie verwendet worden? Andererseits neigte die aristotelische und thomistische Sicht, die in den katholischen Ländern vorherrschte und die den Zweck der wirtschaftlichen Tätigkeit in der Freude sah, natürlicherweise weit mehr dazu, die Quelle des Wertes darin zu sehen, wie Einzelpersonen die jeweiligen Güter im Hinblick auf das subjektive Vergnügen beurteilten, das diese ihnen bereiten konnten.

Eine solche Theorie lässt sich natürlich nicht beweisen, auch wenn die protestantischen und katholischen Denker – die Indizien, die Kauder für diese These zusammenstellt, sind bestechend – vielleicht selbst schon geahnt haben, dass ihre unterschiedlichen Ansichten über den wirtschaftlichen Wert möglicherweise theologische Ursachen hatten. Es bleibt jedoch die Tatsache, dass katholische Denker dank ihrer eigenen intellektuellen Tradition hinsichtlich der Natur des Wertes die richtigen Schlüsse zogen, während den protestantischen Wirtschaftstheoretikern dies im großen und ganzen nicht gelungen ist.

Es wäre schon interessant genug, wenn katholische Denker durch Zufall auf diese wichtigen ökonomischen Prinzipien gestoßen wären und sie in die Schublade gelegt hätten, ohne nachfolgende Denker in irgendeiner Weise zu beeinflussen. Tatsächlich aber waren die wirtschaftstheoretischen Ideen der Spätscholastiker zutiefst einflussreich, und die Beweislage erlaubt uns den Luxus, diesen Einfluss über die Jahrhunderte hinweg nachverfolgen zu können.

Im 17. Jahrhundert zitierte der niederländische Protestant Hugo Grotius, der durch seine Beiträge zur Theorie des Völkerrechts bekanntgeworden ist, die Spätscholastiker ausdrücklich in seinem eigenen Werk und übernahm große Teile ihrer Wirtschaftslehre. Der scholastische Einfluss auf das 17. Jahrhundert lässt sich auch im Werk so bekannter Jesuiten wie Pater Leonardus Lessius und Pater Juan de Lugo nachweisen. Im Italien des 18. Jahrhunderts ist der scholastische Einfluss bei Abbé Ferdinando Galiani überdeutlich, der zuweilen (genau wie sein Zeitgenosse Antonio Genovesi, der dem scholastischen Denken ebenfalls vieles zu verdanken hat) als der Entdecker der preisbestimmenden Faktoren Nützlichkeit und Knappheit bezeichnet wird. „Von Galiani aus“, schreibt Rothbard, „breitete sich die zentrale Rolle von Nützlichkeit, Knappheit und der allgemeinen Wertschätzung des Markts im späten 18. Jahrhundert bis nach Frankreich aus, zu dem französischen Abbé Etienne Bonnot de Condillac (1714-1780) ebenso wie zu jenem anderen großen Abbé Robert Jacques Turgot (1727-81). François Quesnay und die französischen Physiokraten des 18. Jahrhunderts – die oft als die Begründer der Wirtschaftswissenschaften betrachtet werden – waren ebenfalls nachhaltig von den Scholastikern beeinflusst.“

In seinem wichtigen Buch „Faith and Liberty: The Economic Thought of the Late Scholastics“ (2003) zeigt Alejandro Chafuen, dass diese Denker des 16. und 17. Jahrhunderts nicht nur ein entscheidendes Wirtschaftsprinzip nach dem anderen verstanden und formulierten, sondern auch die Prinzipien der wirtschaftlichen Freiheit und der freien Marktwirtschaft verteidigten. Von Preisen und Löhnen bis hin zur Geld- und Werttheorie nahmen die Spätscholastiker das Beste des wirtschaftstheoretischen Denkens späterer Jahrhunderte bereits vorweg. Zwar wissen die Fachleute, die sich mit der Geschichte der Wirtschaftstheorie befassen, diesen Beitrag der Spätscholastiker mehr und mehr zu schätzen, doch ist auch dies wiederum ein Beispiel für innovativ denkende Katholiken, die zwar unter Experten wohlbekannt sind, den Weg in das Bewusstsein der Allgemeinheit jedoch größtenteils noch nicht gefunden haben. Und deswegen ist es auch so lächerlich, wenn einige Querköpfe behaupten, dass die Idee des freien Markts im 18. Jahrhundert von fanatischen Antikatholiken entwickelt worden sei, obwohl diese Theorien zu dem Zeitpunkt, als die katholikenfeindliche französische Encyclopédie veröffentlicht wurde, bereits seit Jahrhunderten im Umlauf waren und auch die Encyclopédie die scholastische Analyse der Preisbestimmung nur wiederholen konnte.

 

Was da für Aspekte aufkommen, interessant..

Templarii

 

 

 

 

 

 

 

 

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4 Kommentare zu “Der Katholizismus als Mitbegründer der Wirtschaftsordnung

  1. Netter Text, aber irgendwie vermisse ich da die Aussagen Max Webers wenn du explizit zwischen den Konfessionen unterscheiden möchtest.

    • Ah, ich dachte schon das dies gemeint ist – ja, die Protestanten arbeiten gerne und wenn ihnen die Arbeit fehlt, versinken sie in der Bedeutunglosigkeit wenn sie nicht an Gott glauben sondern nur noch ungläubig sind.

      gruss

      Templarii

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